Abendmahlsbetrachtung (zum 2. Sonntag nach Trinitatis)

Essensbild
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von Pfarrer Thomas (Miertschischk)

Beim Propheten Jesaja lesen wir die Verheißung:

Und der HERR Zebaoth wird auf dem Berg Gottes allen Völkern ein fettes Mahl machen. Und er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen. (Jesaja 25, 6a.8ab.)

Einen Vorgeschmack auf dieses gemeinsame Versöhnungsessen aller Völker bekommen wir schon jetzt, wenn wir gemeinsam das Abendmahl feiern – jung und alt, reich und arm, traurig und fröhlich, ängstlich und mutig; wir alle gemeinsam. So wie auch Jesus sich mit ganz unterschiedlichen Menschen an einen Tisch gesetzt hat – sogar mit seinen Gegnern.

Oft haben Jesus und seine Jünger mit Menschen zusammen gegessen, mit denen sich sonst lieber niemand blicken lassen wollte; mit denen, für die sich keiner interessiert hat. Für Jesus war es ein Zeichen der barmherzigen Zuwendung Gottes, gerade auch mit diesen Menschen zusammen zu essen und zu reden; ihnen, wenn nötig, ihre Schuld zu vergeben. Ihnen zu zeigen: Ich möchte mich mit euch nicht streiten. Gott möchte mit euch nicht streiten, sondern euch Frieden bringen – so wie er es verheißen hat:

In fernen Tagen wird der Berg des Hauses des HERRN fest gegründet sein,
der höchste Gipfel der Berge, und erhoben über die Hügel.

Und alle Nationen werden zu ihm strömen,
und viele Völker werden hingehen und sagen:
Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs, damit er uns in seinen Wegen unterweise und wir auf seinen Pfaden gehen.
Denn vom Zion wird Weisung ausgehen und das Wort des HERRN von Jerusalem.

Und er wird für Recht sorgen zwischen den Nationen und vielen Völkern Recht sprechen.
Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern.
Keine Nation wird gegen eine andere das Schwert erheben, und das Kriegshandwerk werden sie nicht mehr lernen.
(Jesaja 2,2-4)

Für die Menschen, die mit Jesus zusammen an einem Tisch saßen, hat sich mitten in ihrem Leben ein Fenster zu dieser „fernen Zeit“, zur Ewigkeit, zum Reich Gottes mit seinem großen Festmahl aufgetan, ein Fenster zur Erfüllung der Verheißungen aus dem Jesajabuch und andern Prophetenbüchern.

Leider fanden es manche Menschen gar nicht gut, dass da einer einfach so im Namen Gottes Schuld vergibt und mit kranken Menschen oder zwielichtigen Gestalten zusammen an einem Tisch sitzt. Es war vielleicht nicht der einzige Grund, aber es war ein Grund, warum Jesus verurteilt und hingerichtet wurde. Denn wer mit angeblich bösen Menschen friedlich zusammen sitzt und isst, mit dem kann doch etwas nicht stimmen, der führt etwas im Schilde. So jemanden muss man unbedingt stoppen, damit er die Ordnung der Welt nicht durcheinanderbringt.

Und so wurde Jesus hingerichtet, weil bei ihm Gottes weites Herz für alle Menschen offenstand; weil er im Namen von Gottes Barmherzigkeit alle Menschen einlud, auch uns; weil er selbst Gottes Barmherzigkeit, Gottes Gegenwart bei uns Menschen war.

Daran erinnern wir uns, wenn wir gemeinsam das Abendmahl feiern, wie Jesus es mit seinen Jüngern am Abend vor seinem Tod getan hat – und schon viele Male zuvor mit allen Menschen, die sich von ihm einladen ließen oder bei denen er sich selbst einlud.

Er saß an diesem Abend mit seinen Jüngern zusammen zu einem guten Essen. Und ich stelle mir vor, dass sie zu Beginn das Gebet gesprochen haben, das Jesus ihnen beigebracht hatte – das Vaterunser.

Dann hat Jesus, wie immer beim gemeinsamen Essen, das Brot genommen und das jüdische Dankgebet darüber gesprochen: Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt. Du lässt die Erde Brot hervorbringen. Und ebenso hat er später das Dankgebet über den Wein gesprochen: Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt. Du hast die Frucht des Weinstocks geschaffen. Immer, wenn Jesus gebetet hat, haben die Menschen gemerkt: Da spricht jemand Dank, Bitte, Segen vollmächtiger als alle anderen, genauso wie er vollmächtig heilt und vollmächtig Sünden vergibt. Wer so spricht und so lebt und sich uns auf diese Weise zuwendet, in dem ist Gott gegenwärtig.

An diesem Abend hat Jesus den Dankgebeten noch besondere Worte hinzugefügt: Dies ist mein Leib für euch. – Dies ist mein Blut für euch. – Erst später haben die Jünger ansatzweise verstanden, was er damit gemeint hat: So wie Gott euch Brot und Wein schenkt, so schenke ich euch mich selbst. Ich lade euch Menschen ein, sitze mit euch an einem Tisch, öffne mein Herz für euch, spreche euch Gottes Barmherzigkeit zu, … – sogar wenn es für mich Leiden bedeutet und mich das Leben kostet. Erinnert euch bitte daran, wenn ihr in Zukunft gemeinsam in meinem Namen trinkt und esst.